TRANSIT. SPUREN EINES LANGEN WEGES
Meine Beschäftigung mit dem Thema Exil

„Nachdem ich 1995 aus Paris nach Argentinien zurückgekehrt war, begann ich mich für die Geschichte meiner Famile zu interessieren. Den Impuls dafür empfing ich, als sich fünf in Buenos Aires lebende Künstlerinnen unterschiedlicher Nationalitäten entschlossen, (…) an Projekten zu arbeiten und gemeinschaftlich auszustellen. (…) Im ersten Projekt, das wir im Jahre 1998 auswählten, sollte es um das Stichwort „Transit“ gehen, womit wir auch den Gruppennamen festgelegt hatten. (…) Für die Gruppenaufgabe, die wir uns ausgesucht hatten, suchte ich nach neuen Inhalten. Transit – fiel mir ein – ist doch das Stichwort, unter dem sich die Flucht meiner Familie aus Europa, der Wechsel von einem Kontinent zum anderen,von einem Kulturkreis und von einer Sprache zur anderen begreifen lässt. Auf der Suche nach Informationen begann ich meine Mutter auszufragen. Zu meinem Glück fand sich in der mütterlichen Wohnung eine Fülle von Material zur Familiengeschichte (…):
amtliche und private Schreiben, Fotos, Personaldokumente, (…) das Tagebuch, in dem meine Mutter als 14-jähriges Mädchen die Eindrücke von der Reise von Palästina nach Argentinien festgehalten hatte und dergleichen mehr. Eine Vorliebe für alte Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Dosen, Schachteln, Schuhe, Kleidungsstücke und Spielsachen, oder wenigstens Fotos von diesen Dingen, hatte ich schon immer gehabt. Ich begann also, begeistert von den Fundstücken, auszuwählen, zu arrangieren, zu montieren und Bilder zu malen.

Seit der Ausstellung der Gruppe „Transit“ zum gleichnamigen Thema im Jahre 1999 hat mich die Beschäftigung mit den stummenZeugen der Geschichte meiner Familie nicht mehr losgelassen. Zunächst arbeitet ich noch viel für Gemeinschaftsprojekte (…) Doch mit meiner Einzelausstellung mit dem Titel „El viaje“ („Die Reise“) von September 2001 bis Februar 2002 im Museo Nacional de la Inmigración im Hafen von Buenos Aires, dem Gebäude, das jahrzehntelang die ins Land gekommenen Einwanderer empfangen und beherbergt hatte, wo sie sich den Einwanderungsformalitäten unterziehen mußten, rückte die Familiengeschichte endgültig ins Zentrum meiner künstlerischen Arbeit. Dazu trug auch das Interesse bei, auf das meine Bilder in Deutschland stießen, wo seit 2002 regelmäßig Ausstellungen in Kunstvereinen, Museen und Gedenkstätten (…) stattfinden.“

Aus: Mónica Weiss: Lange Schatten – Mütter und Töchter zwischen Europa und Argentinien. In: Inge Hansen Schaberg / Sonja Hilzinger / Adriane Feustel / Gabriele Knapp (Hrsg.): Familiengeschichte(n). Erfahrung und Verarbeitung von Exil und verfolgung im Leben der Töchter. Wuppertal 2006, S. 109 ff.